Glaube Während der Zeit der Ausgangsbeschränkungen: eine persönliche Erfahrung

Die große Fastenzeit ist für jeden gläubigen Menschen eine besondere Zeit der Reue, Änderung der gewohnten Denkweise und der geistigen Erneuerung. Es ist eine Zeit der Vorbereitung der Seele und des Leibes zum wichtigsten christlichen Fest – dem Osterfest.

Die große Fastenzeit bringt für mich immer zusätzliche Schwierigkeiten mit sich: Ich arbeite im Lebensmittelbereich und muss somit jährlich vom Februar bis April viel reisen um an Lebensmittelmessen teil zu nehmen. Wegen der vielen Termine und des Reisestresses habe ich selten die Möglichkeit, eine Kirche zu besuchen, geschweige denn den inneren Frieden zu bewahren und in Ruhe zu beten. Da es auf den Reisen selten ein Fastenmenü gibt, muss ich leider manchmal die Fastenregeln beim Essen brechen. Gott ist aber gnädig zu uns und segnet, laut der Osterpredigt des Johannes Chrysostomos, sowohl diejenigen die gefastet, als auch diejenigen, die nicht gefastet haben – und auch solche wie ich, die mit wechselndem Erfolg gefastet haben.

In diesem Jahr war alles anders: Die Fastenzeit hatte fast gleichzeitig mit den Ausgangsbeschränkungen wegen der raschen Verbreitung des Virus (COVID19) begonnen. Alle internationalen Reisen wurden abgesagt, die Mitarbeiter meines Büros durften und sollten ab nun ausschließlich von zu Hause aus arbeiten, und das wurde für mich zu einer ganz neuen Erfahrung meines christlichen Lebens.

Auf einmal sind wir im Haus eingesperrt, ohne zu wissen, wann und ob der gewohnte Lebensrhythmus zurückkehren könnte. Weiters haben wir unser Sozialleben auf ein Minimum reduziert, wir kauften ab nun nur einmal pro Woche ein und mussten deswegen die Wocheneinkäufe tüchtig planen. In der Öffentlichkeit waren Masken zu tragen. Wir hielten Distanz auf der Straße. Die Grenzen zu den Nachbarländern wurden geschlossen. Das Schlimmste war, dass viele unserer Gemeindemitglieder deswegen keine Möglichkeit mehr hatten, die Heilige Liturgie zu besuchen. Während der Großen Fastenzeit konnten die meisten keine Beichte ablegen und keine Kommunion empfangen.

Alle Menschen sind schwach, deswegen bin auch ich in Panik geraten. Ich wurde schwermütig vor Angst. Ja, auf einmal besetzte die Angst meinen Geist und meinen ganzen Körper. Ich fürchtete um meine Liebsten und um mich selbst. Auf einmal wurde mir klar, dass die Gefahr bereits jetzt an meiner Tür klopfen könnte und ich habe nichts geschafft. Ich habe es nicht geschafft, eine gute Christin zu werden, den Nächsten zu dienen, ich habe nicht geschafft, mich innerlich auf die Schwierigkeiten und Versuchungen vorzubereiten. Alle vorherigen Aufgaben und Bemühungen schienen nun unwichtig in Anbetracht der Ewigkeit. Und dann öffnete ich den Psalm 90:

... Dir begegnet kein Unheil, kein Unglück naht deinem Zelt. Denn Er befiehlt 
Seinen Engeln, dich zu behüten auf all deinen Wegen... 

Natürlich war ich auch früher mit diesem Psalm vertraut, hörte ihn vor jeder Liturgie in der Stundenlesung, aber nie zuvor hatte er meine Seele so tief berührt. Ich habe empfunden, dass Gott selbst jetzt mit mir spricht. Da habe ich verstanden, dass die Kirche uns so schützt, wie die Vogelmutter, die angesichts einer Gefahr ihre starken breiten Flügel über ihre schwachen Kleinen ausbreitet, und so rettet sie uns, die wir unter dem Schirm des Herrn leben, aus der Schlinge des Jägers und aus allem Verderben, sie schützt uns von dem Schrecken der Nacht und vor dem Pfeil, der am Tag dahinfliegt, sowie vor der Pest, die im Finstern schleicht und vor der Seuche, die wütet am Mittag. So hat Gott mich beruhigt.

Ein Prediger hat einmal in seinem Interview gesagt, ein echter Christ solle nicht nur gläubig, sondern auch denkend sein. Also habe ich mich der Trübsal entgegengestellt und begann die Zeit zu Hause zu nutzen. Ich fing an Gott zu bitten, dass Er meinen Glauben stärkt, und dachte über mein Leben und die aktuellen Umstände im christlichen Geist nach. Im Laufe der Zeit kamen einige Fragen auf, und allmählich folgten auch die Antworten.

Die Frage: Womit haben wir das verdient?

... Abgestumpft und satt ist ihr Herz… (Psalm 118, 70) 

Die Frage „Wofür denn das alles?“ taucht wegen unserer Kleingläubigkeit als eine der ersten auf. Bekanntlich, gibt es bei Gott keine Zufälle, deswegen lasst uns Seinen Willen auch darin sehen, dass wir bereits letztes Jahr in unserer Kirche an den ersten zwei Sonntagen der Großen Fastenzeit aufgrund einer Erkrankung unseres Priesters keine Liturgien hatten. Damals aber durften wir noch immer gemeinsam in der Kirche beten, hielten gemeinsam mit dem Kirchenältesten und der Vorsitzenden der Schwesternschcaft die Typika ab. In diesem Jahr war es schlimmer: durch die öffentlichen Beschränkungen durften in einem Raum nicht mehr als 5 Personen zusammenkommen (inklusive Priester und Chor).

Dann haben wir es wahrscheinlich nicht verdient, vor der Heiligen Pforte zu stehen? Waren vielleicht unsere Gebete in der Liturgie so schwach, dass sie nicht mehr zu Gott aufsteigen, dass sie wie Steine auf die Erde zurückfallen, weil sie beschwert sind mit weltlichen und eitlen Gedanken? Waren vielleicht unsere Herzen nicht fähig, sich zu öffnen, so dass der Priester vergeblich während der Liturgie ausruft: „Erheben wir unsere Herzen!“? Wenn das so ist, wie sollen wir uns verwandeln, damit Gott uns wieder die Möglichkeit schenkt, jeden Sonntag in der Heiligen Liturgie zu beten?

Alle wissen, dass Gott bereit gewesen wäre, Sodom und Gomorrha zu verschonen wegen zehn Gerechten. Kann Er dann nicht auch wegen zehn Sündern eine oder alle unsere Gemeinden züchtigen? Wenn ja, dann zähle in erster Linie ich selbst zu diesen Sündern. Aus diesem Grund ist es mir jetzt so peinlich und schmerzhaft daran zurück zu denken, wie ich mich in aller Eile auf die Heilige Eucharistie vorbereitet hatte, wie schnell und unaufmerksam ich die minimale Regel gelesen hatte, die uns die Mutter Kirche ans Herz legt.

Fand ich denn ausreichend Zeit, um mit Gott zu sprechen? Nicht nur einfach die Morgen- und Abendgebete zu lesen, sondern so mit Ihm zu sprechen, wie wenn Er hier zugegen ist, mir gegenüber steht und zuhört?

Obwohl wir wissen, wie heilig das Leib und Blut Christi sind, verstand ich das wirklich? Empfand ich mit ganzer Seele und ganzem Versand, dass ich mich im Mysterium der Eucharistie mit Jesus selbst vereinige? Zitterte denn meine Seele in Ehrfurcht während des Cherubimhymnus und danach, wenn der Priester ausrief: «Dir das Deine vom Deinen darbringend gemäß allem und r alles»?

Natürlich, wir kennen doch alle die Bedeutung der Liturgie im Leben eines Christen, wir wissen theoretisch, was an diesem oder jenem Moment geschieht, wir lieben die Psalmen, den feierlichen Gang des Gottesdienstes, den Chorgesang… aber sind wir hierbei entflammt in der gemeinsamen Hingabe, brennen wir mit ganzem Herzen? Vielleicht hat uns Gott zu Hause eingesperrt, weil wir nicht geschätzt haben, was wir jetzt nicht haben können?

Vielleicht ist die Zeit gekommen an die eigene Seele zu denken und zu überlegen, wie das sein wird, wenn wir jetzt schlagartig, in diesem Augenblick vor Gott stehen müssen. Für was würden wir uns  verantworten und können wir im jeweiligen Seelenzustand eine ganze Ewigkeit leben? Will ich persönlich die Ewigkeit verbringen in Angst oder Wut? Darüber aber sprechen ja die Hymnen und Gesänge der Großen Fastenzeit, die ich natürlich auch früher gehört habe, aber erst unter den Bedingungen der Ausgangsbeschränkungen habe ich sie für mich entdeckt und begriffen, dass sie über mich persönlich sprechen, und jeden von uns.

... Das Ende naht, und du, meine Seele, bedenkst es nicht. Es nähert sich, und 
du bereitest dich nicht vor. Die Zeit drängt, erhebe dich, denn der Retter steht
 schon an der Tür...  (Der große Kanon des Heiligen Andreas von Kreta)

Zu welchem Zweck?

...Dass ich gedemütigt wurde, war für mich gut; / denn so lernte ich deine 
Gesetze… (Psalm 118:71)
Herr, ich weiß, dass deine Entscheide gerecht sind; / du hast mich gebeugt, 
weil du treu für mich sorgst… (Psalm 118:75)

Die Frage „Wozu?“ sollte jeder für sich selbst beantworten. Plötzlich waren wir eingesperrt zu Hause. Wie ist denn unser Zuhause? Ist es nur ein Ort zum Übernachten, oder ist in diesen vier Wänden der Heilige Geist beheimatet? Von jetzt an befinden wir uns im geschlossenen Raum mit unserem Ehepartner, den Kindern, den Eltern… Geht es uns gut, wenn wir zusammen sind? Genießen wir es, bei einander zu sein, oder dehnt sich die Zeit aus ins Unerträgliche? Gott hat uns unerwartet vor unsere Schwächen und Mängel gestellt und gibt uns die Möglichkeit, vor allem aber auch die Zeit, uns ernsthaft zu bessern – in dem einen, Demut zu üben, im anderen Ruhe zu bewahren, im noch anderen sich anzustrengen…

Ich habe die Möglichkeit erhalten, nicht nur über mein Leben nachzudenken, sondern eine echte Pause einzulegen, Atem zu holen nach dem nicht enden wollenden Kreislauf. Gott sei Dank, es gibt die Möglichkeit im Internet, Gottesdienste live mitzuerleben. Ja, auf dem Monitor, aber doch zeitgleich und gemeinsam mit den anderen Gläubigen, in der Gemeinsamkeit des Gebets.

Somit hat mich der große Bußkanon des Heiligen Andreas von Kreta, der in der 5. Fastenwoche vollständig gelesen wird, tief beeindruckt. Wie zeitgemäß und lebendig ist das, wovon der Heilige da spricht. Ich hatte nicht nur die Zeit, mir die Erklärungen dazu anzuhören, sondern konnte wegen den Untertiteln den Text während des Anhörens mitzulesen. Wie ergreifend ist dieses Prachtstück der kirchlichen Hymnographie! Das ist ein sehr persönliches und vertieftes Gespräch mit der eigenen Seele, ein Gespräch mit Gott und die Hoffnung auf Vergebung.

Wie tiefgreifend und traurig sind die Gesänge des Karfreitags. Ich war schon immer der Meinung, dass echte Christen unbedingt den Gottesdienst an diesem traurigen Tag besuchen sollten, meinte ich doch, es sei unsere Pflicht, zusammen mit Jesus zu sein, wenn Er gekreuzigt und begraben wird. Aber dieses Mal hat mein Herz zusammen während des durchdringenden und strengen Kanons „Wehklage der Gottesmutter“ mit der Gottesmutter gelitten, wie Sie angesichts ihres geliebten Sohnes am Kreuz ausruft:

Heute verlor ich meine Hoffnung und meine Freude, den geliebten Sohn und
Gebieter. Weh‘ mir, ich leide im Herzen...

In Deiner furchterregenden und unaussprechlichen Geburt wurde ich mehr 
als alle anderen Mütter verherrlicht, mein Sohn. Doch, weh‘ mir, heute sehe 
ich Dich am Kreuz und werde in meinem Inneren zerrissen.

Ich möchte die Frucht meines Leibes, die ich einst als Brustkind auf Händen
hielt, vom Holze abnehmen – sprach die Allreine – aber weh‘ mir, 
niemand gibt Ihn mir. (Kanon: Wehklage der Gottesgebärerin)

 Klar stand mir dann vor Augen, dass Jesus wahrhaftig den Tod besiegt hatte. Er ist der Lebensspender, er ist der Vernichter der Hölle:

Als du hinabstiegst zum Tode unsterbliches Leben, da hast du die Macht 
der Hölle durch den Glanz deiner Gottheit überwunden, als du auch die Toten 
aus der Unterwelt erwecktest, riefen alle himmlischen Mächte: Christus, 
Lebensspender, unser Gott, Ehre sei dir!  (Orthros am Karsamstag)

Auf diese Weise hat der Herr mich – die Fallende und Aufstehende – zu diesem lichten Osterfest geführt. In der Osternacht habe ich mir eine Live-Übertragung aus der Erlöserkathedrale in Moskau angesehen. Natürlich war es schwer zuzuschauen, wie diese wunderbare Kirche in der Osternacht fast leer steht, aber auch diese Tatsache konnte die Osterfreude nicht aufhalten, denn Jesus ist auferstanden! „Wahrhaftig ist Er auferstanden!“ –  antworteten mein Ehemann und ich laut und freudig unserem Patriarchen. „Wahrhaftig ist Er auferstanden!“ – antworteten andere Gläubige aus ihrem Zuhause, die gleichzeitig mit uns den Gottesdienst live erlebten. „Christus ist auferstanden!“ – „Wahrhaftig ist Er auferstanden!“ – dieser Jubel startete in jedem Zuhause und hallte durch das ganze Internet und durch das ganze Universum.

Und wie weiter?

Die Auferstehung Christi haben wir geschaut, so lasst uns anbeten den 
heiligen Herrn Jesus, der allein ohne Sünde ist. ... Kommt, all ihr Gläubigen, 
lasst uns anbeten die heilige Auferstehung Christi. Denn siehe, durch das 
Kreuz ist Freude gekommen in die ganze Welt. (Osterhymnus)

Weiter – Osterfreude! Christus ist auferstanden das haben wir geschaut in unseren Herzen, und wir werden seine Auferstehung besingen und Ihn preisen!

Viele Kirchen sind leider noch immer geschlossen. Viele können noch immer keine Beichte ablegen und keine Kommunion erhalten. Aber wir haben dennoch die Möglichkeit unsere Herzen dem Herrn und Gott zu öffnen sowie in jedem Nächsten Jesus erkennen und Ihm so zu dienen. Wir haben die Möglichkeit, und wir sollen in jeder Lebenssituation den Willen Gottes erkennen, diesen annehmen und Ihm entgegengehen. Wir haben die Möglichkeit, und wir sollen unsere Gedanken und unser Verhalten und so auch unsere Seele ändern, damit wir gereinigt Jesus entgegengehen und uns durch die Heilige Eucharistie mit Ihm vereinigen.

Nunmehr, nachdem ich einen weiten Weg von der Mutlosigkeit bis zum Osterjubel hinter mir habe, verstehe ich, wie gnädig Gott zu uns ist und möchte folgendes sagen:

Erstens, unsere Entbehrungen sind sehr gering im Vergleich zu jenen, die die Christen der ersten Jahrhunderte durchlebt haben. Manche von ihnen konnten nur einmal im Leben an der Heiligen Liturgie teilnehmen, haben nur einmal die Heilige Kommunion empfangen und waren dennoch bereit, für Jesus ihr Leben zu opfern. Keiner verlangt von uns solche Opfer, nur Gehorsam gegenüber der Regierung und der Kirche, sowie Demut und Glaube wird von uns erwartet.

Zweitens, auch unter den Ausgangsbeschränkungen leben wir so gut, wie viele andere vor uns nicht gelebt haben. Wir haben genug zu Essen und zu Trinken und wohnen in warmen gemütlichen Räumen. Wir können, unter den gegebenen Umständen haben wir auch die Pflicht, die Heilige Schrift noch öfter zu lesen und online die Gottesdienste mitzuerleben. Wir alle haben Handys und können jederzeit unseren Priester anrufen, um seinen Rat zu erfragen oder bei ihm Trost zu suchen (sowohl während der Fastenzeit als auch jetzt, ist er für die Gläubigen zugänglich und nicht nur telefonisch!)

Drittens, wir haben genug zum Überlegen und auch zum Ändern. Gott gibt uns dafür die Möglichkeit, sowie die Möglichkeit zu beten, Ihn um Seine Gnade zu bitten, dass wir wieder an den Sakramenten unserer Mutter-Kirche teilnehmen dürfen.

Viertens, jegliche Schwierigkeiten und Leiden sind eine Gabe, und dafür danken wir Gott. Eben in den Leiden und Entbehrungen ist Er am nächsten zu uns. Deswegen sollten wir uns überwinden, Ihm entgegen zu gehen, zu glauben und nichts zu fürchten, sondern in Allem seinen Plan zu unserer Errettung zu erkennen.

Gott sei Dank für alles!

Victoria Altendorfer

Comment (1)

  • Johannes Maurek Reply

    Liebe Victoria,
    ich danke Ihnen von Herzen für diese wunderschönen Worte von großer geistlicher Tiefe, die mich zum Weinen gebracht haben, weil sie soviel Wahrheit enthalten. Die Wahrheit ist wie ein Spiegel, in dem man sich selbst klar und unverstellt sieht, wenn man sie annehmen kann. Und oftmals blickt einem aus diesem Spiegel der Sünder entgegen. Wir klagen und kritisieren, statt für das, was Gott uns in seiner grenzenlosen Liebe gibt, dankbar zu sein. Wir bedauern uns, statt Gott dafür zu preisen, dass er uns das Leben in Fülle schenkt und seine ewige Gegenwart und Tröstung in den Sakramenten.

    Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme Dich unser!

    Haben Sie vielen Dank und seien Sie gesegnet!
    Johannes

    31.05.2020 at 14:01

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