Gedanken in der Adventszeit

Es hat sich so ergeben, dass wir das kirchliche Neujahr nicht am 14. September, sondern das kalendarische Neujahr am 1. Januar feiern. Jedoch auch hier sollten wir denn Willen Gottes erkennen, denn nicht umsonst kommen wir sofort nach dem Eintritt ins Neue Jahr direkt in die Adventszeit, welche uns ein baldiges Treffen mit Jesus verspricht.

Das vergangene Jahr 2020 war reich an diversen Ereignissen, es gab sowohl Gutes als auch Herausforderndes. Deswegen schlage ich vor, dass wir gemeinsam daran zurückdenken, wie dieser lange Weg war und ob wir nun zum Gotteskind mit wunderbaren Gaben oder mit einer schweren Last gekommen sind.

Sehr bedauernswert ist, dass wir, Christen, doch manchmal schwach waren und in Versuchung geraten sind. Unser Leben in der Gemeinde war auch ab und zu durch Kränkungen und Klagen beeinträchtigt. Gott wird wohl nicht diese Gaben von uns erwartet haben… Jedoch haben eben diese Ereignisse darauf hingewiesen, wie schwach wir Menschen sind und wie leicht wir vom Gott abfallen können, auch wenn wir eigentlich gute Ziele verfolgen wollten. Stark ist aber nicht der, wer das Hinfallen vermeiden konnte, sondern der, wer hingefallen und wieder aufgestanden ist, wer gesündigt und dies gebüßt hat. Für uns, orthodoxe Christen einer Gemeinde, gibt es keinen Grund zu streiten, denn zusammen empfangen wir die Heilige Kommunion aus einem Kelch. Deswegen wollen wir Gott eifrig darum bitten, dass Er jedem seine eigenen Sünden zeigt, unsere Herzen entflammt und uns lehrt, immer in Liebe und seelischer Ruhe zu leben!

Bereits am Anfang des letzten Jahres, im Januar, haben wir von einem neuen Virus gehört und sehr bald verbreitete er sich in allen Ländern. Die große Fastenzeit ist mit den Ausgangsbeschränkungen zusammengefallen. Auf einmal waren Regale in Geschäften leer, Menschen kauften wie verrückt Nudeln und Toilettenpapier. Das schlimmste für unsere Gemeindemitglieder war, dass die Grenzen zwischen Österreich und Deutschland geschlossen wurden und dass strikte Einschränkungen für die Anzahl der anwesenden Personen in der Kirche eingeführt wurden. Die Liturgie wurde nun hinter den geschlossenen Türen ohne Gläubige zelebriert…

Alles in der Welt passiert nach dem Plan Gottes, deswegen sind auch die oben beschriebenen Ereignisse für uns eine Lehre gewesen. Gott hat uns den Eintritt in Sein Heiliges Haus sowie die Möglichkeit der Heiligen Kommunion, also der Vereinigung mit Ihm, eingeschränkt. Er verschloss unseren Mund mit den Masken, damit wir mehr schweigen, nachdenken, hören und sehen können…

Dieser Lockdown lehrte uns einiges, indem unser wahres Gesicht offenbart wurde. Wir haben alles erlebt – Zorn, Reize, Ironie und Angst. Es gab aber auch manche Gläubige, welche keine Angst hatten, täglich mitten in der ersten Welle ihre Arbeit in der Kirche zu leisten. Es gab auch manche, die während der Liturgie zu den geschlossenen Türen und offenen Fenstern gekommen sind, um die Gesänge mitzuerleben. Es gab auch Manche, die dank den Ausgangsbeschränkungen mehr Zeit gewonnen haben, um die Heilige Schrift zu studieren, tiefer und eifriger zu beten und dadurch von Gott die Verstärkung ihres Glaubens erhalten haben. Und natürlich haben wir alle mehr Zeit für unsere Familien bekommen und dafür Gott sei Dank!

Und dann gab es das Osterfest, ein absolut wunderbares Osterfest! Gott hat uns offenbart, dass nichts in der Welt die Osterfreude einschränken kann. Der Herr kann unsere Seelen anrühren und alle Menschen vereinen, auch wenn die Ostergrüße online übertragen werden.

Der Besuch des Metropoliten Mark, kurz vor unserem Kirchenfest „Mariä Schutz“, war auch etwas ganz Besonderes in diesem Jahr. Nachdem wir so viel erlebt hatten, zeigte unser Vladyka seine väterliche Liebe durch die unterstützenden Worte und wichtigen Belehrungen. Nach dem Gottesdienst, bereits müde wegen der dauerhaften Einschränkungen, Masken und sozialer Distanz, versammelten wir uns wieder in unserem gemütlichen Speisesaal, und es schiene, als wäre alles „wie früher“.

Ich habe Vladyka aufmerksam beobachtet und habe das Gefühl bekommen, er wäre aus Licht gewebt – Weiße Haare und Bart, helle Haut und leuchtender Blick. Seine Worte waren für uns wie die Frühjahrssonne, und wir ähnelten den Spatzen, welche in seinen Strahlen jubelten … Aber am meisten hat mich ein anderer Moment beführt: der kleine Simeon spielte im Kirchenhof mit einem Baumzweig, welchen er zu einem Bischofstab machte und tat so, als wäre er der Bischof selbst. Als Vladyka Mark dem kleinen Simeon gegenüberstand, proklamierte der Kleine: „Du bist wie ich!“. So hat uns Gott durch die Worte eines Kindes die Wahrheit gesagt – unser Bischof ist in seiner Seele wie ein kleines Kind, wie Jesus selbst sagte, wir sollen wie Kinder sein, „denn Menschen wie ihnen gehört das Reich Gottes“.

Was heißt es eigentlich, wie ein Kind zu sein? Kinder sind natürlich und harmlos, sie kennen noch keine „erwachsenen“ Eigenschaften wie Falschheit, Beleidigung, Bosheit und Feindschaft. Apostel Paulus sagt: „seid Kinder, wenn es um Bosheit geht“ (1, Kor. 14:20) und meint damit, wir sollten alles verzeihen und das Böse vergessen wie es die Kinder tun. Kinder sind für alles offen, vor allem sind sie offen zu Gott. Jesus Christus sagt: „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies Weisen und Klugen verborgen hast und hast es Unmündigen (= also Kindern) offenbart“ (Matthäus, 11:25). Wie Kinder sein – solche Gaben sollten wir Jesus-Kind bringen!

Und nun, treten wir in das neue kalendarische Jahr. Auf uns warten der Heilige Abend, die Geburt Christi und die 12 Weihnachtstage (auf Russisch – „Swjatki“). Wir werden neue Fastenzeiten und Feste erleben, wieder werden die Auferstehung Christi und das Mariä-Schütz- und Fürbitte-Fest kommen. Sowohl auf die ganze Gemeinde als auch auf jeden von uns werden neue Aufgaben und Versuchungen zukommen. Es ist aber wichtig zu wissen – alles ist möglich, nichts ist erschreckend, sondern alles bringt Freude, wenn Gott uns beschützt.

Heute möchte ich jeden von uns auffordern, in eigener Seele das kleine Kind aufzusuchen, welches wir bis jetzt so eifrig hinter der Maske des Erwachsenseins und Seriosität verstecken, dieses Kind an die Weihnachtskrippe zu führen um sich dort mit dem geborenen Jesus-Kind zu treffen. Wollen wir alles vergeben, alles Böse im alten Jahr lassen! Seien wir wie Kinder, welche mit offenen Armen dem liebenden Vater entgegen laufen um ihn inbrünstig zu umarmen!

Heute jubeln wir und werden wie Engel in der Nacht der Geburt Christi singen: „Verherrlicht ist Gott in der Höhe / und auf Erden ist Friede / bei den Menschen seiner Gnade!“

Victoria Altendorfer

 

 

 

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